Von Florian Riesterer
LAUTERECKEN/GERMERSHEIM – Genau dieses musikalische Gemeinschaftserlebnis macht offenbar Schlagergottesdienste so erfolgreich, zeigen Beispiele aus der Pfalz. Wenn die Gottesdienstbesucher*innen am 29. August die Göllheimer Kirche betreten, werden sie sich auf eine ganz besondere Reise begeben. Pfarrerin Lina Ehrmann serviert in ihrer Reihe der monatlichen Samstagabendgottesdienste dann einen „Ballermann-Gottesdienst“. Statt klassischen Kirchenliedern oder modernem geistlichen Liedgut werden dann Mallorca-Schlager wie „Dicht im Flieger“ oder „Schatzi, schenk mir ein Foto“ von Mickie Krause zu hören sein. Die Musik zu den Schlagern kommt allerdings nicht aus der Konserve, sondern von der Orgel.
Mit singbaren Schlagern neue Formen von Gottesdienst erproben, dieses Experiment haben bereits 2019 Pfarrer Timo Schmidt und Gemeindediakonin Annette Junkes in Lauterecken ausprobiert. „Die Kirche war voll – wirklich voll, und die Resonanz war sehr gut“, erinnert sich Timo Schmidt, inzwischen theologischer Referent im Landeskirchenrat in Speyer. Für den Schlagergottesdienst habe ein Chor die Lieder geübt, aber nicht vorne am Altar gestanden, sondern mit Familien und Freunden in den Bankreihen gesessen, so dass die Leute gut mitsingen konnten. Er habe die Texte und Bilder der Lieder aufgegriffen bei den Gebeten, sagt Schmidt. Die Predigt hielt er über „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, öffnete das Bild weg von der reinen romantischen Liebe hin zu neuen Freunden oder einem Kind, „um dem Ganzen Tiefe zu geben.“
Nach der Coronazeit setzte die Lauterecker Pfarrerin Francesca Brand mit Junkes die Schlagergottesdienst-Reihe fort, auch beim ersten Pfälzer Kirchentag in Otterbach 2024 luden sie dazu ein. „Wir mussten wegen Überfüllung den Raum irgendwann schließen.“ Auch Brand betont die „Mitsingbarkeit“ der Lieder als wichtigen Faktor. Wobei das sicher auch bei Rocksongs funktionieren könnte, wenn entsprechende Musiker*innen zur Hand wären, sagt sie.
Wie gut Schlager funktionieren im Gottesdienst, hat auch Gemeindediakon und Musiker Jürgen Schaaf festgestellt. Er stellte in diesem Sommer zusammen mit Dekan Michael Diener und Gitarrist Jürgen Lengle den ersten Schlagergottesdienst im Dekanat Germersheim auf die Beine. „Lengle ist ehemaliger Gitarrenlehrer, bietet einmal im Monat ein gut besuchtes Mitsingen in einem Gasthaus in Leimersheim an“, erzählt Schaaf.
Der Einladung zu dem Schlagergottesdienst-Frühschoppen mit Weißwurst und Brezeln im Innenhof des ehemaligen St.-Jakobus-Klosters folgten 200 Besucher*innen, hörten „Mit 66 Jahren“, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Ein bisschen Frieden“. „Viele haben inbrünstig mitgegrölt, brauchten keinen Liedtext.“ Michael Diener verknüpfte die Inhalte der Lieder mit Aussagen der Bibel, etwa bei Roger Whittakers „So schön war die Zeit“ mit Abrahams Verlassen der Heimat und dem Heimweh während der Suche nach dem ihm versprochenen Land.
Mit dem Schlagergottesdienst seien Menschen erreicht worden, die sonst nicht in die Kirche gehen, sagt Schaaf. Etliche Menschen hätten nach einer Fortsetzung gefragt. Planungen für 2027 laufen. „Das Mitsingenkönnen der Lieder ist entscheidend“, sagt Schaaf. Er hatte als Liturg in Bellheim in Vertretung des Pfarrers mit Mitgliedern seines Ukuleleorchesters und einem Projektchor relativ spontan einen Gottesdienst mit sehr viel Musik gestaltet. „Die Leute sind auch anschließend noch lange geblieben.“
Genau darauf hofft auch Lina Ehrmann. Auch sie wird wie in Lauterecken klassische Gottesdienst-Elemente einbauen in die musikalische Reise nach Mallorca. Zu viel verraten will sie noch nicht über die Predigt, nur so viel: Sie hat mit Losfahren und Zurückkommen zu tun. So darf am Ende auch das Pfalzlied nicht fehlen. Wichtig sei in jedem Fall die Urlaubsatmosphäre. Jugendliche sind mit eingebunden und werden Cocktails mixen.
Ob es mehr Schlager braucht in Gottesdiensten, soweit verengen will Timo Schmidt den Erfolg des Genre-Gottesdiensts nicht. „Ich glaube, es braucht mehr Freude, Lieder auszuprobieren und dann einfach zu schauen, was passiert, wenn ich das predige, wenn ich es in der Kirche singe.“ Passt es für mich selbst und was macht es mit der Gemeinschaft? Das seien entscheidende Punkte. „Ich hatte da bei meinem Gottesdienst ein gutes Gefühl, weil wir irgendwie in den Liedern wirklich als Gemeinde zusammengefunden haben für den Moment.“

